Die Grenzen der Sagbarkeit und der EU | FASSETTE.NET

  • Eventattraktion und Aktionsopposition
  • Crowd Funding für Tote bei Mutti
  • Ja "die Toten kommen", denn die Kunst ist tot. Es lebe der Attraktions- und Elendsvoyeurismus. Der Event. Die „Veranstaltung“ Tot.

Ja wer es wagt sich darüber zu entrüsten, wird die Diskurs-Fähigkeit unserer Kultur zu spüren bekommen! Nun, das reizt mich sofort. Sagbarkeitsfelder haben bei mir schon immer einen kindlichen Trotz ausgelöst. Vermeintliche Kunst mit attraktions-reißerischen "Tot"schlag-Argumenten, die nicht mehr zur Diskussion stehen! Das ist ja großartig. Da können Diktatoren noch etwas von uns Freigeistern lernen! Eine durch das Motiv heilig gesprochene (Kunst)-Installation, die anprangert! Aber wen? Und wehe dem, der hier den Leichen keine Ehrfurcht entgegenbringt! Die höchste Form der Schuldzuweisung. Die Schuldzuweisung, die für mich schon lang kein Mittel mehr ist, um Probleme zu lösen. Und so alt ist, wie die älteste Revolution, die ihre Kinder fraß. Die Toten waren schon immer ein gutes Druckmittel. In jeder Epoche. Vor allem praktisch, dass sie schon tot sind, dann muss man sich nicht mehr mit den Lebenden beschäftigen und kann (Wohl-)Taten dazu nutzen, die nächsten Emotionen hoch kochen zu lassen, die nächsten Ungerechtigkeiten zu provozieren, die vielleicht Leben kosten. „Ursache und Wirkung liegen nicht beim 'Veranstalter'...“ lese ich von einem reflektierten Kommentator, der die Kritik an der Aktion "Die Toten kommen" missbilligt. Eine von vielen Vorgänger-Aktionen im Übrigen. Mir läuft es kalt den Rücken herunter bei diesem wahrscheinlich sich selbst nicht bewussten Satz, der direkt und indirekt Aktionäre jeglicher sich moralisch erhebender Aktionen jeglicher Verantwortung frei spricht. Das erinnert mich an das Entsetzen im Gesicht des Medienforschers den Schlingensief als Zeuge einlud um dessen Meinung dazu zu hören, als Grünen-Politikerin Claudia Roth sagt „Er lebt in unseren Herzen weiter!“ und auf „ihren“ verstorbenen Freund und türkisch-stämmigen Journalisten vor laufender Kamera mit Christoph anzustoßen, mit Wiederholung, Take 2, weil der Kamerawinkel noch nicht stimmte. Und ich ahne die Absurdität der medialen Reflexion, die diese Aktion hervorruft, wenn solche unfassbar unreflektierten Sätze fallen. "Es ist schon unfassbar, schon wahnsinnig so etwas zu sagen", kommentiert der wache Analytiker die Medienrolle, die Roth hier wohl akzeptiert, sich als Nebenrolle einbringt und dem Toten eine mediale Bekenntnisebene hinzufügt. "Wusstest du das viele Zeitungen bereits die Nachrufe einer bekannter Persönlichkeiten startbereit in den Schubfächern haben?" antwortet Schlingensief hämisch grinsend. Das Geschäft mit dem Tod und der Trauer ist kein neues Thema, aber es erreicht immer wieder neue Dimensionen. Weil sonst "wirkt" es ja nicht mehr. Die allgegenwärtige Dehnung. Die endlos machbar scheint.

Ja "die Toten kommen", denn die Kunst ist tot. Es lebe der Attraktions- und Elendsvoyeurismus. Der Event. Die „Veranstaltung“ Tot. Aktions(kunst) an der sich Schlingensief wohl kaum beteiligt hätte. Schon gar nicht nach der Zeit der neuen Erkenntnis: der Würde des Sterbens und dem Bekenntnis zum Verrat an der Relevanz, wenn Kunst den Zeigefinger hebt und Leichen ausgräbt. Wenn mit dem Elend der Menschen am Tisch diskutiert wird, kann man keine Lösungen mehr diskutieren, sagte Scholl-Latour schon zu Recht, als eine junge Frau in einer Talkrunde auf die Tränendrüse drückte. Denn Tragik ist leicht gezeichnet, Vorwürfe leicht gemacht. Er ist tragisch, wirkungsvoll, prangert an, lässt uns wissen was Recht und Unrecht ist. Ja! Da hat der Tag wieder Struktur, der Feind ist benannt (ist er?), und die Zeigefinger sind gespitzt. Und er ist vielleicht auch aufrichtig. Der Vorwurf. So wie die Tränen. Aber sie ändern nichts. Erzeugen Mitleid, erzeugen Mitgefühl und Zuwendung bis Wut bei Beobachtern und Sympathisanten. "Es musste ja mal gesagt werden!" Treiben die öffentliche Befürwortung von neuem Unrecht im Namen des Rechts in schwindelige Höhen, in denen Reflexionen wie diese hier kaum noch erlaubt sind. "Wer diese Aktion für pietätlos hält, sollte sich die Pietätlosigkeit an den Grenzen Europas anschauen!", schmetterte es zurück. Ein Satz der wie in Stein gemeißelt scheint. Hier gibt es nichts mehr zu diskutieren! Die Moral des weißen Mannes hat wieder einmal ein Mantra geschaffen! Ein Satz der mich wütend machte und zu diesem Artikel verleitete. Denn wann diskutiert werden darf und wann nicht, entscheiden für mich keine Crowd-Funding (Kunst?)-Aktionäre sondern die Notwendigkeit. Und die ist da.

Für ihre „Aktion“ (am Rande: empfohlenes Such-Stichwort „Eventkultur“, Peymann vs. Müller) haben sie, die „Veranstalter“ eine Crowd-Funding Kampagne gestartet und für 2500 Euro darf man den Bagger fahren, der den Platz vor dem Kanzleramt aufbrechen soll um die Leiche eines Flüchtlings der EU Grenze vor „Muttis“ Füßen zu platzieren. 10 oder so sind es wohl insgesamt, ich habe die Leichensäcke nicht gezählt. An verschiedenen Plätzen in Berlin. Ich rate ihnen von Neukölln und Wedding ab, da gehören Leichensäcke zum Stadtbild und könnten ihnen ihre reißerische Attraktion versau'n (ich wohne dort).

Die Aktion ist aber jetzt schon medienwirksam und durch die Provokation und Entrüstungen wie meine, eine geschickt eingefädelte Gorilla-Kampagne, die letzten Endes aber nur einem nutzen wird: den jungen adretten Aktionskünstlern selbst. Den Flüchtlingen wohl kaum, denn die Aktion ist in ihrer künstlerischen Form ironischer Weise eine Wohlstands-Polemik westlicher Couleur und indirekt eine Dekadenz unserer Kultur, die sich historisch indirekt nur aus dem Raubbau anderer Kontinente, die nun schwer bewohnbar sind, speisen konnte.

Die wahrscheinlich letzte Bastion der unabhängigen Kunstform wurde dafür (zumindest namentlich) missbraucht, und das macht mich wütend. Denn das ist fatal und kann weitaus mehr Menschenleben kosten, als sich diese jungen Menschen vorstellen können. Ja jung. Und schön. Junge schöne Menschen, die sich schwarze Farbe in ihre unbedarften Puppen-Gesichtchen schmieren und angespülte tote Flüchtlinge vor die Füße der Regierenden und Presseleute platzieren möchten. Mit viel Platz zur Interpretation und dankbar angenommenem Medienecho. „Sie stellen die Abschottung der Europäer in Frage“. Ja gut. Und schön. Aber alternative Lösungen haben sie nicht! Das ist mein Punkt. Das ist für mich keine aufopfernde Kunst, die im Bauch, im Intuitiven beginnt und spürt was geht und was nicht. Spätestens da wäre bei mir der Punkt gewesen, wo ich erkannt hätte, dass das Ziel manchmal nicht erreichbar ist ohne es zu verraten. Und dann hätte ich es nicht gemacht. Aber das ist genau der springende Punkt. Wir leben in einer Zeit, in der man es im Zweifelsfalle eher macht, als es nicht zu machen. Denn das gilt heute als viel Schlimmer. Bist du nun ein „Macher“ oder keiner? Ich denke das ist ein grundsätzliches Problem unserer Zeit und sehr bedenklich. Lieber machen als nicht machen. Lieber falsch als nicht gemacht. Lieber drauf hauen als unsichtbar. Schließlich ist der Mensch von Welt nicht irgendwer. Und Frau Merkel ist schon vorbereitet auf das Happening und eine Rede ist in Arbeit.

Die junge EU hat es nicht leicht. Das ist ja das Dilemma mit der Kunst, oder zumindest mit denen unter ihnen, die das für Kunst halten und diese damit unwissentlich auf lange Sicht entwaffnen. Das Schwert des Robin Hood ist schnell gezückt. Der schwere Vorwurf ist schnell gemacht. Die Opposition eine Leich(t)e. „She is a willing recruit, I dare say a devoted disciple“ - Sie ist eine willige Elevin, eine atemlose, geile Teilnehmerin. Der Tot in Form von Vorwurfs-Hülsen mit Tränendrüsen-Effekt, programmiert für die allgemeine Entrüstung und Medienmaschinerie, die die Kunst im Mittelpunkt braucht. Von Luft und Liebe allein kann sie ja auch nicht leben.

Konsequent? Nein. Der Preis war nicht hoch genug. Denn es sind schöne junge Menschen mit einem erfolgreichen Crowd-Funding im Nacken für ihr viel diskutiertes „Kunstprojekt“ - „Die Toten kommen“. Da wird getwittert, ge-smartphoned, ge-postet, ge-interviewt, gefahren, transportiert, postuliert. Alles mit Geld was ihnen nicht gehört. Nein, ich meine nicht das Crowd-Funding. Ich meine unsere "Hoch"-Kultur und ihre (Kunst), die wir uns leisten. Einer der Gründe für die Flüchtlinge ins reiche Europa zu wollen. Denn der Hauptgrund dafür ist, dass wir haben, was ihnen gehört. Wir haben sie über Jahrhunderte bestohlen um heute eine Kultur zu leben, die sich moderne Kunst überhaupt erst leisten kann. So dekadent muss man erst einmal werden, um auf einem Kontinent, wo es immer noch Schokohände aus der Kautschukzeit (wen es interessiert lese bitte gern meine Kongo-Essay) zu kaufen gibt, Leichen von Afrikanern als Kunstinstallation vor dem Reichstag und dem Brandenburger Tor zu platzieren.

Erst rauben und morden wir für unseren Wohlstand und unsere teuren Künste und die Wohlstands-Demokratie, die die Kunst zu ihrer Rechtfertigung braucht, und jetzt wollen wir uns mit der Rolle des Räubers nicht abfinden, wollen uns auch noch rein waschen mit der künstl(eris)chen Entrüstung und Empörung über "die da" in dem wir die Toten unseres Konsums sogar noch verwerten. "Die da", die wir anonym als die Schuldigen dafür erklären müssen. Das System. Oder Einzeltäter. Ja Einzeltäter ist gut. Wie immer, weil es keine kollektive Schuld gibt. Nie gegeben hat. Systeme eignen sich auch gut dafür. Weil wir sind ja nicht Teil des Systems, nein. Dass wir Handys aus Coltan-Erz nutzen, Kriege außerhalb Europas durch unsere Konsumgesellschaft mitfinanzieren und uns unsere hohe Kunst etwas kosten lassen, ist doch bitte schön nicht die Frage hier?! Die Frage die sich medienwirksam stellen lässt, ist doch wohl: wer ist schuld! Schuld! Das versteht der Deutsche! Und wie viel Tote haben wir zu beklagen?! Reicht es für die Titelseite? Tausende Tote an den Grenzen der EU! Das ist gut. Wunderbar! Denn heute muss sich alles am Holocaust messen lassen. Lasst uns Denkmäler am Potsdamer Platz errichten und Tote vor den Reichstag karren!

Der Glaube an die Demokratie ist wieder hergestellt. Denn wo sonst könnte man so etwas machen, wenn nicht in einem freien Land in dem jeder sagen darf was er möchte? Nur fragt man sich, wo waren all die Empörten und Sympathisanten, als es jahrelang in den Nachrichten kam? Wo waren ihre Stimmen, als es um die Panzer nach Afrika ging? Wo waren die Aktionskünstler, als Griechenland als Billigtourismusland ausgebeutet wurde und mit Investitions-Betrug durch Weltbanken in die Krise gestürzt wurde? Lasst mich raten: wahrscheinlich mit der Familie im Griechenland-Urlaub. Denn da waren die feschen Twennies noch Kids.

Zurück zum Ursprung des ganzen Desasters: „Worum geht es hier eigentlich genau?“ - fragt sich vielleicht der eine oder andere unbedarfte Leser, der anstelle täglich die sozialen Netze nach Hashtags vom „Zentrum für Politische Schönheit“ zu durchwühlen arbeiten ging. Hier eine Zusammenfassung einiger Fakten die teilweise oder angrenzend in diese Sprung-Chance für Medienaufruhr mündeten:

Nachdem im Herbst 2013 binnen weniger Tage 400 afrikanische Flüchtlinge im Mittelmeer medienwirksam ertrunken waren, organisierte Italien eine eigenmächtige kostspielige Hilfs-Operation namens "Mare Nostrum", die am 18. Oktober 2013 unter der Leitung des Admirals Guido Rando startete und eine staatlich finanzierte Operation der italienischen Marine und Küstenwache zur Seenotrettung von Flüchtlingen aus meist afrikanischen Ländern, welche versuchten, über das Mittelmeer Italien oder Spanien zu erreichen, war. Gleichzeitig sollten die Schleuser im Hintergrund aufgegriffen werden, die die Ursache für diese tödlichen Risikoüberfahrten waren. Der damalige italienische Verteidigungsminister Mario Mauro empfahl, dass auch die Mutterschiffe der Schlepper identifiziert werden müssten und die Flüchtlingsboote ans Festland eskortiert werden sollen um das Schlimmste zu verhindern. Bis Mitte Mai 2014 erreichten über 36.000 Flüchtlinge mit Hilfe "Mare Nostrums" die italienische Küste, bis Ende August 2014 waren es 80.000. Die Operation endete am 31. Oktober 2014 durch diverse Kontroversen und am folgenden Tag begann die Operation "Triton" unter Führung der EU-Grenzagentur FRONTEX in Folge der entbrannten öffentlichen Diskussion um die kollektive Verantwortung. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) hat die Operation "Mare Nostrum" im Zeitraum ihrer Aktivität bereits rund 150.000 Menschenleben gerettet. Die Marine war bis Ende Oktober 2014 durchschnittlich mit vier Schiffen im Einsatz. Darüber hinaus beteiligten sich auch das italienische Heer, die Luftwaffe, die Carabinieri, der Zoll und die Küstenwache an dieser Menschenrettungs-Operation, die bis dato seines Gleichen sucht und weltweiten Applaus für den Einsatz Italiens zur Folge hatte, während Italien immer wieder eine gesamteuropäische Verteilung der Lasten bei der Rettung und Unterbringung der Flüchtlinge anmahnte und eine Polarisierung der Debatte daraus die Folge war. Die Oppositionspartei Lega Nord hatte im April 2014 in Italien das Ende des Marine-Einsatzes gefordert und die Forderung damit begründet, dass eine Aussicht auf Rettung den Flüchtlingsstrom ansteigen lasse, so drastisch das auch klingen mag. Auch unter europäischen Politikern war und ist die Ansicht verbreitet, dass die Operation ein zusätzlicher Anreiz für Flüchtlinge war, das Risiko der Überfahrt einzugehen und die Operation mit der EU nicht abgesprochen war. Weiterhin hätte der Einsatz Schleppern ihre Tätigkeit erleichtert, denn sie konnten Flüchtlinge in nicht seetüchtigen Booten auf die Reise schicken und auf Rettung hoffen. Anstelle der Operation „Mare Nostrum“ trat in Folge der Debatte die nicht ganz so kostspielige EU Operation „Triton“, die den Aktionsradius auf Küstennähe begrenzte. Hilfsorganisationen nutzten die sich erhitzende Debatte und forderten völlig unrealistische weiterführende Maßnahmen von der EU zur Aufnahme der Flüchtlinge und schürten Unruhe in der Bevölkerung mit der Argumentation, dass es wohl "da oben" niemanden interessieren würde was mit ihnen passiert.

Seit dem Ende von „Mare Nostrum“ setzen Schleuser erstmals auch einige Male etwas größere Schiffe ein: Flüchtlinge aus Syrien wurden im November 2014 mit dem Frachtschiff Baris nach Ierapetra gebracht. Anfang Dezember 2014 wurde der aufgebrachte togolesische Frachter Sandy mit Flüchtlingen aus Syrien nach Crotone eingeschleppt. Am 30. Dezember 2014 trieb die Blue Sky M vor der Küste von Korfu. Später wurde das Schiff vor Santa Maria di Leuca mit einem Hubschrauber von italienischen Einsatzkräften besetzt und in den Hafen von Gallipoli eingebracht, wo die Flüchtlinge versorgt wurden. Am Abend des 1. Januar 2015 entdeckte die italienische Küstenwache das führerlos etwa 150 Kilometer vor der kalabrischen Küste treibende Frachtschiff Ezadeen mit Hunderten Flüchtlingen. Das in der EU-Folge-Operation "Triton" nach "Mare Nostrum" eingesetzte Patrouillenboot "Thýr" der isländischen Küstenwache kam dem Schiff am Tag darauf zur Hilfe und schleppte es später in den Hafen von Corgliano ein.

Triton ist eine Mission der europäischen Agentur Frontex, die im Auftrag der EU die Sicherung der europäischen Grenzen in Italien als Folge-Operation von „Mare Nostrum“ weiter gewährleisten soll. Sie begann offiziell am 1. November 2014. Seit dem Beginn der Mission wurden bis Ende 2014 etwa 13.000 Flüchtlinge aus Seenot geborgen und 53 Schleuser festgenommen. Dabei stellten die EU-Staaten Schiffe, weiteres Material und Personal bereit. Anfang 2015 waren sieben Schiffe, vier Flugzeuge und ein Hubschrauber beteiligt. Monatlich stehen dafür 2,9 Millionen Euro zur Verfügung. Dieser Betrag wird von Menschenrechtsorganisationen wie Pro Asyl und Amnesty International weiterhin als zu gering eingeschätzt. Die italienische Vorgängermission „Mare Nostrum“ kostete 9,3 Millionen Euro pro Monat. Am 23. April 2015 beschlossen die Staats- und Regierungschefs der EU auf einem Sondergipfel in Brüssel, die Mittel für die Mission zu verdreifachen. Damit wäre finanziell ungefähr das Niveau der Vorgängermission „Mare Nostrum“ erreicht. Menschenrechts-Organisationen kritisierten die Beschlüsse dennoch als nicht ausreichend und der Vorsitzende von Amnesty International in Europa, John Dalhuisen, nutzte die Debatte für den medienwirksamen Vorwurf: „ohne eine Ausweitung des Einsatzgebietes der Mission werden Migranten und Flüchtlinge weiter ertrinken".

Dies war der finale Anstoß für die Gruppe „Zentrum für Politische Schönheit“ ihrem Namen alle Ehre zu machen und in das schon vorgewärmte Horn zu blasen. Denn Crowd-Funding braucht bekannter maßen Zeitgeist. Ohne den zündet der Aufruf ja nicht. Herzlichen Glückwunsch, ihr Schnuckelhasen: "die-toten-kommen" ist Hashtag Nr. 2 in Deutschland. Ich finde das sollte man den jetzt so berühmten Toten auch auf ihre Gräber schreiben, damit spätere Generationen von Historikern auch wirklich begreifen, in was für einer völlig gestörten Zeit diese Gräber entstanden sind.

Ich schlage den Aktionskünstlern eine äußerst medienwirksame und wirklich glaubhafte finale Aktion vor, um über jeden Zweifel erhaben zu sein und die Ursachen für das Unrecht was sie anklagen zu untermauern. Und ich garantiere ihnen maximalen Erfolg: Sie mögen doch bitte ihre Lebensplätze hier in Europa mit Menschen aus Afrika tauschen, die gern nach Europa möchten. So würden sie a) Menschenleben retten, b) einigen Menschen hier und dort einen großen Gefallen tun und c) vermeiden, dass Leute wie ich es wagen, solch edle und mutige Kunst als medienwirksame Leichenfledderei abzutun.

Wer diesen Artikel aufmerksam liest wird erkennen, dass ich hier keine Überzeugungen vertrete, sondern aus dem Bauch heraus das (Un-)Sagbarkeitsfeld sprenge. Wird merken, dass es mir nicht darum geht, die Besprechung der Thematik - auch nicht in Form von Kunst - per sé zu missbilligen, sondern um die Frage, wie sicher man sich immer einer Sache sein kann. Denn selbstsicheres Auftreten der Aktionäre ist spürbar. Aber wer die Frage für sich selbst wirklich immer ernst nimmt, was in einem Entscheidungsmoment richtig sei, der würde nämlich eigentlich nie eine befriedigende Antwort für sich darauf (emp)finden und kann sich seiner Sache eigentlich nie 100% sicher sein. So wie auch ich es nicht bin. Zu diesem Artikel.

Nachtrag I

Ich kann nicht aufhören mich Tag und Nacht zu fragen: Was wohl ein hungerndes Kind in Afrika dazu sagen würde, wenn ich ihm erzählte, dass 15 Million Euro (15.000 x 1000) dafür gesammelt würden, Leichen von Flüchtlingen aus Afrika als Kunst-Aktion in Deutschland zu "installieren", während das Kind nichts zu essen hat und kein Geld für eine Schule, und wenn manche Medikament-Patente oder Transporte, die Leben retten(!) könnten, weniger kosten. Ich werde wütend bei dem Gedanken, dass mich solche "selbstbewussten" Aktionen - die sich im Glauben im Recht zu sein selten selbst hinterfragen - dazu nötigen, eine (gegenteilige) Position einzunehmen, die entgegen meinem Wunsch die Welt besser zu machen und Missstände aufzuzeigen, mir eigentlich gar nicht entspricht, mich dazu zwingt mich auf einer Seite zu positionieren, die mir eigentlich ferner liegt als die Unterstützung von Aktionen zur Sensibilisierung der Gesellschaft. Mich macht es wütend, wenn ich das Gefühl bekomme, dass die "falschen" Protagonisten sich für eine wichtige Sache zu Wort melden und sie missbrauchen weil sie im Zeitgeist schwebt. Und meistens oder selten für die Sache. Oft mehr für sich selbst.

Nachtrag II

Zitat: "Für Heiner Müller bestand die wichtigste Aufgabe des Theaters darin, die Toten auszugraben, 'wieder und wieder.' Das Theater war für den Dramatiker ein Ort der Totenbeschwörung: Hier können die Lebenden den Toten begegnen, statt sie zu verdrängen und mit ihnen das, was ihnen angetan wurde." -- Zentrum für politische Schönheit auf Facebook

Bitte lasst Heiner Müller aus dem Spiel! Das ist eine ganz andere Liga als eure plakative selbst-verliebte Pop-Kultur! Ihn für eure Crowd-Funding Aktion zu missbrauchen ist der Gipfel der Geschmacklosigkeit! Müller war in seiner ganz eigenen Form ein lebens-bejahender Mensch und besonnender großer Künstler von Weltformat! Seine Verstörung war fein abgemessen und nicht reißerisch! Er hätte das Geld für Lebende in Afrika ausgegeben und nicht für Tote als Schuldzuweisung in einer schock-überdehnten post-medial verbrauchten Gesellschaft.

Fassette Artikel abgelegt unter: Merkel, Triton, Mare Nostrum, Italien, Die Toten kommen, Flüchtlinge, Afrika, EU, Schlepper

Aus den Fassette Themen-Ressorts: Politik, Eindrücke


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Schwieriges Thema. Wir können Deine Hin-Und-her-Gerissenheit sehr gut nachvollziehen, stehen aber in deinem Mut die Frage zu stellen voll und ganz hinter dem Artikel, der sicher wenig Lob ernten wird.


Ich fand einen sehr guten Kommentar zu dieser Aktion auf Facebook den ich hier gern anonym teilen möchte, weil er die hier aufgeworfenen Fragen meiner Meinung nach gut unterstreicht: "Die Aktivisten behaupten, sie würden echte Leichen einsetzen. Nur: Ob es sich wirklich um Leichname oder nur um eine theatralische Aktion mit leeren Särgen handelt, lassen sie bewusst offen." Bei aller Sympathie für das Künstlerkollektiv: aber das wäre auch eine extreme Grenzüberschreitung. Die körperliche Integrität von Leichnamen ist für Christen, Juden und Muslime absolut unantastbar! Das Recht, Körper zu exhuminieren ist in der Zivilisation nur Staatsanwaltschaften nach richterlichem Beschluss gestattet. Werdet doch bitte endlich richtig politisch, anstatt euch als selbsternannte Künstler mit Aktionen politisch aufzupimpen, um im ästhetischen Überbietungswettbewerb toll zu performen. Ihr seid sonst zynischer als jeder Leichenmüllsack in Sizilien. Auf dem Rücken von Leichen kulturelle Distinktionsgewinne zu realisieren, ist wirklich das Allerletzte! Gunther von Hagens lässt schön grüßen!


  • Abbildung eines Fotos mit Leichensäcken aus Irak von Dario Mitidieri aus dem jahre 2003

    "Body Bags in Sydney". Open air human rights exibit in Martin Place. The body bags had masking tape tags such as "Your Best Friend", "Your Baby", "Your Husband", etc. Syndey, Australia. | photo by Pieter Pieterse | provided by Flickr | ©  CC BY-NC-ND 2.0

Infobox zum artikel

Leichensäcke über Leichensäcke. Die Tagesthemen sind voll davon. Solche Bilder sind bekannt und haben schon immer medienwirksam funktioniert. Ob bei einem Erdbeben, bei Kriegshandlungen oder Flüchtlingswellen. Das gesichtslose Wesen, der entmündigte Mensch, der sich darunter verbirgt, der Zuschauer der sich vorstellt wie es sein muss in genau solch einem zu enden. Der Reißverschluss der zugezogen wird am Unfallort. Die Passanten bleiben betroffen stehen und schlucken. Für einen kurzen Moment. Und dann geht das Leben weiter. Das Leben. Und das ist auch nicht immer so einfach. Fassen wir alle Krisenherde der Welt zusammen, die momentan so existieren und oft weitaus weniger in den Medien zu finden sind, als Irak oder die Flüchtlinge an den Grenzen der EU, bräuchten wir für eine Demonstration in Form von Leichen-Kunst eine sehr sehr große Leichenhalle. In einer Gesellschaft in der es immer um den größtmöglichen Effekt geht, würde ich Aktionären auch das zutrauen. Ich glaube nicht an den größtmöglichen Effekt. Ich glaube an Dehnbarkeit des Entsetzens, an Resignation, an Missbrauch, an das Menschliche und an das niemand sich rein waschen kann vom Preis des Lebens.

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    • Einer der größten Medienmythen der Neuzeit fängt an, den Schöpfern dieses Mythos lästig zu werden. Die Fragen hören nicht auf: Wo ist er nun? Ist er tot? Gefangen genommen? Entwischt? Hat es ihn jemals...
    • Abbildung von Osama Bin Laden Streetart auf FASSETTE
  • Peter Scholl-Latour

    • Die Angst des weißen Mannes
    • Im Interview zur Buch-Vorstellung
    • Das 21. Jahrhundert würde kein Jahrhundert des "weißen Mannes" mehr sein, sein 500-jähriger Siegeszug sei Geschichte - Wie wird die Welt von morgen aussehen? "Die Angst des weißen Mannes: ein Abgesang"...
    • Abbildung Buchcover Die Angst des weißen Mannes von Peter Scholl-Latour auf FASSETTE
  • Wenn der Vorhang fällt ...

    • Schau hinter die Kulissen
    • Ein genauerer Blick auf einen Filmabspann oder auf die Rückseite eines Plattencovers, ein Blick auf das Kleingedruckte eines Austellungsflyers oder Buchdeckels verbirgt oft die weitaus spannenderen...
    • Abbildung von leerem Theatersaal
  • Der Letzte macht das Licht aus

    • Die Psychologisierung der Gesellschaft
    • Früher waren wir einfach traurig, heute sind wir gleich depressiv. Früher hätte man einen Menschen, der auf der Straße angeregt zu sich selber spricht, als "gaga" bezeichnet. Heute spricht man - und das...
    • Abbildung von verwundeten Maennern die Stricken lernen auf FASSETTE
  • Atomwaffen in Konflikt-Ländern

    • Oder doch das weiße Kaninchen
    • Seltsam ist es schon, dass wir heute darüber diskutieren, ob ein unserer Ansicht nach bedenkliches Land 1 oder 2 Atombomben besitzt. Und die Vielzahl Atombomben in der ganzen restlichen Welt sind...
    • Abbildung von Atompilz auf FASSETTE
  • Bundestagswahlkampf 09 Sieg der Kleinen

    • Ein Blick auf das Thema auf Fassette
    • Wir sind zwar kein tägliches Nachrichtenmagazin, aber der Bundestagswahlkampf hatte dieses Jahr natürlich auch bei uns eine gewisse Priorität. Nachdem wir nun schon Kandidaten und Parteimitglieder als...
    • Abbildung von Deutscher Reichstag 1906 auf FASSETTE
  • Johann Kresnik

    • Aus einem verschwundenen Zeitungs-Archiv
    • Im Interview zu politischem Theater
    • Ein Interview von Mai 2002 aus einem verschwundenen Zeitungsarchiv, wohl einer Berliner Zeitung, die 2007 ihre Aktivität einstellte. - "Wir sollten im Theater neu darüber nachdenken was eine...
    • Abbildung von Johann Kresnik Inszenierung Francis Bacon auf FASSETTE
  • Der letzte Sommertag

    • in einem Kreuzberg dass sich verändert
    • Eine warme Sommernacht - Indisches Essen - Wir sitzen an der Oranienstraße - Aber das nur nebenbei - Oder, um es anders zu sagen: so bewusst, wie es die Unter- und Überwelt des kostspieligsten...
    • Abbildung von Schnellrestaurant in Kreuzberg bei Nacht auf FASSETTE
  • Michael Jackson starb wie viele

    • Aber er lebte wie nur wenige
    • Ein Nachruf
    • Ich kann mich bei solchen Anlässen gar nicht entscheiden, was ich aufsässiger finden soll, die Millionen von RIP Nachrichten im Netz und übertrieben Trauer demonstrierenden Fans auf den Straßen oder die "...
    • Abbildung von Michael Jackson auf FASSETTE