Diktatur in den Köpfen | FASSETTE.NET

  • Sind unsere Götzen Antwort auf Alles?
  • Freiheit und Demokratie
  • Ohne es zu merken haben wir - entgegen der eigentlichen Bedeutung des Wortes - Demokratie in der Auffassung bestimmter Informationsträger zu der Antwort auf alles gemacht.

Die Prognose des amerikanisch-deutschen Historikers Walter Laqueur zur russischen Politik ist pessimistisch: Einen demokratischen Wandel sieht er nicht. Spannend scheint ihm einzig die Unruhe, die aus der Region kommt. Fazit: "Putinismus", Keine Chance für Demokratie. So heißt es im Bericht über Laquers Analyse im öffentlich-rechtlichen Deutschland-Radio Kultur, einem Sender, der zur Gruppe jener Medienanstalten gehört, die damals von den Alliierten nach dem Sieg über den Deutschen Kriegstreiber Hitler als die derzeitigen Siegermächte und Nachkriegs-"Regulatoren" unter der gesetzlichen Prämisse (re)-aktiviert wurden, staats-unabhängig zu senden, um dem damals aufkommenden weltweiten Auftrieb von Radio und Fernsehen auf dem zerbombten Boden Mitteleuropas eine Infrastruktur und Entwicklung zu ermöglichen. Ein Umstand, den viele heute in der Fernsehgebühren-Debatte vergessen, wenn sie fälschlicher Weise jene Sender als Staatssender bezeichnen. Was sie nach dem Gesetz von 1947 definitiv nicht sind. Wir haben Staatssender, wie zum Beispiel den Parlamentskanal oder der TV-Sender der Bundeswehr, aber diese werden nicht von den Fernsehgebühren sondern von Steuergeldern finanziert. Die öffentlich-rechtlichen Sender hingegen haben einen "Sende- und Bildungsauftrag", wie es heißt, der "das Geschehen nur begleiten aber nicht beeinflussen dürfe", so war die damalige bis heute gültige Bedingung.

Neben dem öffentlich-rechtlichen Sende-Anstalten, die im Volksmund fälschlicher Weise gelegentlich als Staats-Sender bezeichnet werden, sowie den wirklichen zuvor genannten Staatssendern, haben wir heutzutage natürlich noch die bekannten privaten Sendeanstalten, die zu großen internationalen Medienmonopolen gehören und sich über Werbeeinnahmen finanzieren. So zumindest der allgemeine Wissenstand. Viel weiß man aber über die Finanzpläne dieser großen Sendeketten allerdings nicht, da sie wie der Name schon sagt, Privatunternehmen sind. Auch fusionierten sie in den letzten Jahrzehnten mehrfach und bildeten neue undurchschaubare international agierende Mediengruppen, dessen Struktur und Einflussnahme auf das Programm durch Entscheidungen von "unten" oder von "oben" nur wagemutig angenommen werden kann und daher viel Platz für vielleicht sogar unsachliche Spekulationen und Mutmaßungen lässt.

Dann gibt es noch das Internet, welches laut Analysten der Grund für die Fusionen und Neuorientierungen der großen Offline-Medien ist und in dieser Rolle aber auch nur fiktive Zahlen schreibt, die nicht einmal die Advertisment-Klickwerbehoster genau kennen, und nun inzwischen mit diversen Videokanälen und großen ins "Netz" investierenden Sender-Ketten wohl auch die bewegten Bilder der früheren Offline Medien endgültig dahingehend wieder "an den Mann gebracht" haben dürften, damit die "Verbindung" der Dauerbestrahlung nicht abreißt. Inklusive neuer Einflüsse, wie die Netzkanäle anderer Regionen, die aber außer in den eigenen auch anderen Regionen wie z.B. in Deutschland ausstrahlen. Wie z.B. den international verbreiteten und in mehreren Sprachen zu findenden Sender RT (Russia Today), der sich in seinem ganzen Auftreten, der Rhetorik und auch den Sendungen und derer Präsentation kaum von hiesigen privaten oder öffentlich-rechtlichen Sendern von damals unterscheidet und dadurch den Eindruck vermittelt, im selben Interessensverband zu senden. Was nach Aussage vieler Kritiker des Senders nicht der Fall sein dürfte und ihm "Putin-Propaganda" vorwerfen.

Warum ich das alles unter dieser Überschrift aufzähle? Nun, genau hier kommen wir doch zu einem interessanten Perspektiven-Wechsel, der dem Namen dieses Online Magazins "Fassette" wieder alle Ehre macht: Wenn der Sender RT sich von hiesigen nicht unterscheidet, aber den Vorwurf von schleichender Putin-Propaganda akzeptieren soll, wirft das nicht nur ein interessantes Licht auf die Eingangsaussage von Laqueur, sondern auch auf unsere Auffassung von Demokratie, Informationsfreiheit und der Selbstironie unserer praktischen Umsetzung dieser Gesellschaftsordnung im Gesamten. Ohne es zu merken haben wir - entgegen der eigentlichen Bedeutung des Wortes - die Demokratie in der Auffassung bestimmter Informationsträger zu der Antwort auf alles erklärt. Und auch wenn das nur ein Wort ist und man letztendlich mutmaßen könnte, dass das genau aus diesem Grund kein Anlass zur Sorge sein müsse im Hörsaal angehender Gesellschaftsanalysten und Philosophen, dann zumindest der nachvollziehbare und als realistisch einzustufende Umstand, dass offenkundig alles was nicht ins "Bild" passt im Einklang all unserer Ansätze und Informationskanäle dann als undemokratisch gesehen werden muss. Es entsteht ein Widerspruch, denn die Demokratie wird in der Theorie zumindest als diskurs-fähig verstanden. Wie sonst könne sie demokratisch die Interessen verschiedener Volksgruppen berücksichtigen? Und inwiefern sind dann Ausnahmen in diesem Ansatz zulässig? Ich bin sicher nicht der erste der diese Frage stellt, und es sind leider auch nicht immer die "Richtigen", die diese Frage stellen. Aber da drehen wir uns im Kreis. Gibt es falsche in einer Demokratie? Oder ist die Demokratie vielleicht genauso wie der Kommunismus eine theoretische Illusion, die in der vollständigen Umsetzung mehr schaden als nutzen würde? Oder anders gefragt: wollen wir dass jeder zu Wort kommt? Schaut man sich die Vielschichtigkeit der Bevölkerung eines Landes mal ganz nüchtern an, kommt man wahrscheinlich - und jeder aus einem anderen Grund - zu einer tendenziell sehr undemokratischen Antwort.

Ich habe die Idee eines "Landes" schon lang aufgegeben. Wenn ich sie jemals hatte, dann nur durch die unreflektierte Übernahme von geistigen Vätern anderer Generationen, aber nie wirklich gefestigt, denn es kann einfach nicht lang dauern bis man die Idee aufgibt. Wenn man auch nur kurz mal über das Weltgeschehen nachdenkt, muss man zwangsläufig aus der universellen Perspektive zu dem Schluss kommen, dass es nicht nur Quatsch ist in Ländergrenzen zu "philosophieren", sondern auch jede Menge Ursachen für heutige Probleme in diesem Denken zu finden sind. Ich spreche nicht von der Sorge der Auslöschung regionaler Kultur, was ich wirklich bedauern würde. Ein Generalvorwurf der "Patrioten", um sie mal milde so bezeichnen, den ich eh in der Form für komplett unhaltbar betrachte und sogar davon überzeugt bin, dass länderspezifische Kultur viel mehr "kultiviert" und gepflegt werden kann in einem Raum, wo Identität gesucht wird, als in einem Raum wo Identität vorgegeben wird. Das erklärt doch auch warum viele ethnische Gruppen die aus ihren Ländern in andere Kulturen fliehen, dort auf einmal ihre eigene Kultur wieder entdecken und beginnen diese dort innerhalb der anderen Kultur in einer Weise zu manifestieren, wie sie es zuvor nie getan haben. Und es ist doch wundervoll zu sehen wie alte Bräuche und kultur-eigene Sitten an den verschiedensten Ecken eines Einwanderungslandes sprießen und gedeihen und Neues schaffen. Und davon abgesehen: die Vermischung der Kulturen hat es schon immer gegeben und wird es immer geben. Seit Menschen Gedenken war der Mensch ein Pflänzchen, was am Besten in einer Mischkultur gedeihte und nicht in einem Monokultur-Beet. Es ist doch eher erschreckend zu beobachten, wie sich manches unvermischtes Gedankengut eines vorangegangenen Jahrhunderts manifestiert hat in der Seele ganzer Kontinente und wie sich diese Ideen halten ohne sich zu vermischen und weiter zu entwickeln. Und wenn sich Kultur vermischt, wird es von der nächsten Generation als eigene Kultur und Identifikator angenommen und verteidigt. Oft sogar ohne das Bewusstsein wo es her kommt. Und so wird schnell eine neue Entwicklung in der Welt die wir nicht verstehen wieder zum Sündenbock erklärt. Viele Europäer z.B. wissen gar nicht, wo ihre Argumente für ihre Antihaltung gegen Nord-Amerika herrühren. Oder woher der Lokalpatriotismus kommt, geschweige denn woher sie Curry und Kartoffeln kennen. Und wie wenig das mit Kultur- oder Geschichtsbewusstsein in regionalen Grenzen zu tun hat.

Wenn es eine Demokratie-Idee geben soll und sie sich halten soll, dann vor allem in den Köpfen als etwas Erstrebenswertes und nicht als etwas was man anderen aufzwingt, denn das wäre völlig gegen die Idee einer Demokratie. Und wenn es so etwas wie Freiheit gibt, dann muss einem klar sein dass Freiheit ihren Preis hat und sich auch zum Teil gegen die Idee Demokratie verbreiten zu wollen richten kann. Je nach Auslegung kann sich Freiheit gegen Demokratie und Demokratie gegen Freiheit richten. Das kommt ganz auf den Betrachtungswinkel an. Und die größte Unfreiheit erleben wir doch heute nicht in den Grenzen eines Kontinents oder eines Landes. Sondern in unseren Köpfen. Und da sind die allgegenwärtigen Informationskanäle vielleicht auch nicht ganz unschuldig daran ...

Fassette Artikel abgelegt unter: Demokratie, Ideologie, Freiheit, Medien, Neue Medien, Hochkultur

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"Je nach Auslegung kann sich Freiheit gegen Demokratie und Demokratie gegen Freiheit richten. Das kommt ganz auf den Betrachtungswinkel an. Und die größte Unfreiheit erleben wir doch heute nicht in den Grenzen eines Kontinents oder eines Landes. Sondern in unseren Köpfen." --- Zitat Ende, aus dem Artikel. Unglaublich! Dieser Absatz ist schon allein mega Aphorismus verdächtig und wäre er von einem namhaften Philosophen, würde man ihn wohl gerade in den letzten Jahren permanent zitieren! Super klasse Text und Artikel! Und einem wundervollen Schluss! . Wenn ich aber eine kleine Kritik anbringen darf: ich finde die Kategorien auf den Seiten von Fassette etwas schwer durchschaubar. Ich weiß, dass Fassette noch im Aufbau ist, aber ich wollte es nur mal anbringen, dass ich nicht so ganz verstehe warum dieser Artikel zum Beispiel unter Panorama und Eindrücke abgelegt ist. Lieben Gruß und danke danke danke für diesen wahnsinns Text. Sehr lesenswert! Und ohne Werbung! Fast zu schön um wahr zu sein!


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