Deutschland schwanzlos | FASSETTE.NET

  • Es hat sich ausgewedelt
  • Wo Rauch ist, ist auch Feuer?
  • Aus allen Löchern kommen die Kolleginnen und Kollegen, die noch eine Rechnung mit dem angeblichen Unmenschen Wedel offen haben und ihre Zeit jetzt gekommen sehen.

"Made in Germany" ist - auch wenn es ursprünglich anders gemeint war - eine Art Qualitätssiegel. "Made in Germany" bedeutet, dass ein Produkt gewisse Eigenschaften hat, die angeblich typisch deutsch sind: zuverlässig, haltbar, dauerhaft. Was ein Deutscher geschmiedet hat, kann ein anderer nicht wieder zerschlagen! Ein Schlagbohrer "made in Germany" bohrt selbst dann noch, wenn die Mauer schon längst nicht mehr steht.

"Made in Germany" ist auch der großangelegte Vernichtungsfeldzug gegen den Regisseur Dieter Wedel. Einen Leistungsträger unserer Gesellschaft nach Strich und Faden zerstören - niemand versteht sich besser darauf als die Deutschen. Mit wachsender Glaubensbereitschaft schenken sie Gerüchten, skandalisierten Nichtigkeiten und unbewiesenen Behauptungen Gehör und werden dabei gestützt durch das dämlichste aller deutschen Sprichtworte: "Wo Rauch ist, ist auch Feuer": Es MUSS ja etwas dran sein, wenn aus so vielen Rohren geschossen wird! Beweise? Überflüssig! Faktencheck? Uninteressant! Hauptsache, die vermeintliche Sau wird durch's Dorf getrieben und am Ende auf dem Marktplatz zu Boden gerungen - koste es, was es wolle! Die Pechfackel hat der Deutsche stets griffbereit im Schirmständer in der Diele stehen - man weiß ja nie, wann sich die Gelegenheit bietet, gell?

"Made in Germany" dabei auch die Gründlichkeit, mit der so eine Treibjagd praktiziert wird. Es geht nicht darum, Kritik zu üben am Verhalten einer bestimmten Person oder an einem bestimmten System oder darum, langfristig etwas verändern zu wollen an verkrusteten Strukturen. Das alles sind vorgeschobene Intentionen, die tatsächlich aber nur dazu dienen sollen, den Lynchmob zu rechtfertigen. Es geht in Wirklichkeit darum, einen Menschen komplett in seiner Würde und in seiner Existenz zu vernichten, ihn vollständig auszutilgen. Das war bei Wulff so, bei Tebartz-van Elst, bei Grass und bei vielen anderen, und gerne knöpft man sich auch Verstorbene vor wie beispielsweise den Kinski oder den Tappert, weil von denen nun wirklich gar keine Gegenwehr mehr zu erwarten ist. Nur selten lässt man freiwillig von einem Opfer ab wie damals von Karl Dall, noch seltener beißt man sich die Zähne aus wie an Ratzinger. Verteidiger der Angeklagten - im Fall Wedel beispielsweise seine frühere Lebensgefährtin Ingrid Steger - werden entweder mundtot gemacht oder schlicht ignoriert. Die Mechanismen sind perfide, der Tod ist auch in dieser Hinsicht ein Meister aus Deutschland: Weltweit rufmordet niemand so perkfet wie wir. "Destroyed in Germany" - da weiß man, was man hat!

Nun also Wedel. Die Reihe der Ankläger und Zeugen ist lang: Aus allen Löchern kommen die Kolleginnen und Kollegen, die noch eine Rechnung mit dem angeblichen Unmenschen Wedel offen haben und ihre Zeit jetzt gekommen sehen. Zuletzt lamentierte Schauspieler Hans Peter Korff über den vermeintlichen Sadismus Wedels während der Arbeit und zieht dabei seine Erinnerungen an ein paar Drehtage aus der Tasche, die genau 40 (!) Jahre zurückliegen. Wie, so frage ich mich, kann man schmutzige Wäsche nur so lange aufbewahren? Stinkt da der eigene Kleiderschrank nicht am schlimmsten? Korff lässt sich übrigens auf seiner Facebookseite für seinen "Mut" und seine "Courage" abfeiern wie ein König. Was genau daran mutig und couragiert sein soll, auf einen Wolf zu schießen, der vorher bereits von 50 anderen Kugeln durchsiebt wurde und völlig wehrlos am Boden liegt, will sich mir dabei nicht erschließen. Immerhin: Korff hat seine Aufmerksamkeit und - gönnen wir es ihm - hoffentlich auch seine Befriedigung bekommen nach vier Jahrzehnten offenbar tiefsitzenden Frustes.

Wedel mag ein Regisseur gewesen sein, dessen Arbeitsweise schroff und von wenig Respekt geprägt war. Einer, der seine Schauspieler an ihre Grenzen gebracht hat. Einer, der auch nicht davor zurückgeschreckt ist, zu demütigenden und verletzenden Methoden zu greifen. Aber ein künstlerischer Prozess ist nun einmal kein Yogakurs und kein Wellness-Urlaub, sondern ein nicht selten entbehrungsreicher und schmerzhafter Geburtsakt. Mitunter muss ein Regisseur das (oft übermäßig ausgeprägte) Schauspieler-Ego erst einmal mit Wucht in den Erdboden rammen, damit die Rolle überhaupt Raum bekommt. Manchmal muss man einen Schauspieler zur Verzweiflung bringen, wenn man diese Verzweiflung auf der Bühne oder vor der Kamera braucht und sonst nicht bekommt. Aber das hat doch nichts mit Sadismus oder Machtmissbrauch zu tun! Und da kann man auch nicht mit spießbürgerlichen Moralvorstellungen ankommen nach dem Motto "So etwas tut man nicht". Doch, so etwas tut man, wenn es der übergeordneten Sache dient. Das sind Techniken, mit denen man das herauspresst, was für das künstlerische Ergebnis notwendig ist. Wer unter solchem Druck zerbricht, gehört ganz einfach nicht in die Theaterwelt. Und man darf nicht vergessen, was für meisterhafte Inszenierungen am Ende auf Bildschirm, Leinwand und Bühne zu sehen waren. DARAN sollte man Wedel messen - nicht aber daran, ob eine Frau Berben ihren Satz 30x sagen musste oder die Bleibtreu nach dem Dreh einer Szene, in der sie zu Boden stürzen muss, ein paar blaue Flecken hatte, wie Korff unlängst so mitleidheuchelnd erzählte. So etwas überhaupt zu erwähnen, ist derart albern und mimosenhaft, dass man eigentlich nur noch darüber lachen könnte - wäre man nicht im Land der 80 Millionen Richter, die selbst die billigsten Klamotten dankend aufsaugen, wenn sie daraus nur ein möglichst vernichtendes Urteil basteln können. "Made in Germany" eben.

Sollte sich Wedel aber tatsächlich irgend welcher Taten schuldig gemacht haben, die in den strafrechtlichen Bereich hineingehen, so ist deren Aufarbeitung einzig und alleine Sache der Strafverfolgungsbehörden: der Polizei und der Staatsanwaltschaft und letztenendes eines ordentlichen Gerichts - nicht aber etwas für einen sensationsgeilen Mob, aufmerksamkeitsheischende Zuträger, Anekdotenerzähler, Gerüchtestreuer oder die Presse. Und solange keine hieb- und stichfesten Beweise vorliegen und ein Urteil gesprochen wurde, gilt hierzulande immer noch die Unschuldsvermutung, auch für einen Prominenten wie Dieter Wedel. Leider scheint das Qualitätssiegel "Made in Germany" ausgerechnet von diesem hohen Gut abgeblättert zu sein.

Wedel liegt am Boden und wird nie wieder aufstehen können. Es wird nie wieder eine Inszenierung Wedels geben - nicht auf der Bühne, nicht im Film oder für das Fernsehen. Die Öffentlich-Rechtlichen Sender werden Meisterwerke wie "Der große Bellheim" oder "Der Schattenmann" nicht mehr ausstrahlen. Bad Hersfeld hat seinen besten Intendanten verloren, Deutschland einen seiner genialsten Regisseure - und viele Schauspieler einen Regisseur, der Höchstleistungen aus ihnen herausholte, auch wenn es schmerzhaft war. Der Name des großen Dieter Wedel ist unwiederbringlich verbrannt. Da haben wir mal wieder ganze Arbeit geleistet, nicht wahr? "Made in Germany".

Fassette Artikel abgelegt unter: Dieter Wedel, MeToo, Sexismus-Debatte, Sexuelle Übergriffe, Medien, TV, Hetzjagd, Medienskandal, Verleumdung

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Fackel und Heugabel, des Deutschen liebster Zeitvertreib.


Ich weiß echt nicht wie man diesen Mann irgendwie in Schutz nehmen kann?!


Mancher mag diesen Beitrag falsch verstehen, aber es geht nicht darum Herrn W. zu verteidigen. Es geht um die bereits erwähnten Fackeln und Heugabeln. Es sollte nicht ein emotional aufgewühlter Mob mit der Bewertung eines nicht abgeschlossenen Falls beauftragt werden. Aber genau das passiert immer wieder.


Und es ist auch ganz zufällig, dass sich nun große Aufmerksamkeitschancen für einige nicht direkt betroffene Wegbegleiter wie Korff und Verhoeven auftun. Komisch, dass in diesen Interviews keiner was über den Befragten wissen will. Der bekommt das Interview nur, wenn er mit Bubu um sich wirft. Und so sind diese Interviews auch: Scheiße


Mal abgesehen von der Debatte, finde ich diesen Artikel köstlich. :D


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